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Segeltörn Türkei „KAWOLI“ - Bavaria 46 H -

Törntagebuch, getextet von Karsten Iburg

(06.11. – 20.11.2005)

Am Samstagabend treffen wir vier Segelfreunde - Jürgen, Peter, Uli und ich - uns, um endlich den schon das ganze Jahr über geplanten und vorbereiteten Segeltörn zu starten. Jürgen ist der Skipper, Peter unser „Winschgorilla“, Uli der Navigator und ich, der die Reiseleitung bei Landgängen macht und eine Vorliebe für die Kombüse hat.

Am Frankfurter Flughafen geben wir unser Gepäck als Late Night Check-in auf. Der Flug ist am Sonntag um 6:00 Uhr, so dass es so ausreicht, um 5:00 Uhr morgens am Flughafen zu sein. Bei der Gepäckaufgabe stellen sich schon die ersten Probleme: Der Bundesgrenzschutz kontrolliert unser Gepäck. Wir haben jeder eine Rettungsweste dabei. Diese enthalten CO2-Patronen, die Gefahrgut für den Flugverkehr sind. Dürfen die mitgenommen werden?? Gott sei Dank ist ein fachkundiger Grenzschützer zum Schichtwechsel eingetroffen, der bestätigt, dass wir die Rettungswesten ohne Probleme mitführen dürfen. Die erste Hürde genommen erwartet uns das nächste Gepäckproblem: Unser Gepäck ist bei vier Personen insgesamt 29 kg zu schwer. Dieses Übergewicht ist mit vier Euro/kg zu bezahlen. Doch halt: es gibt doch eine Freimenge für „Sportgeräte“. „Da muss ich erst Rücksprache halten.“ Die Rettungswesten werden zweifelsfrei als „Sportgerät“ zugelassen und somit ist das Übergewicht kein Problem mehr.

Jetzt können wir uns endlich dem gemütlichen Teil des Abends zuwenden. Peter hat eine Kirmes in Hochheim ausfindig gemacht. Dort genießen wir die letzten Stunden in der Heimat. Nach einer kurzen Nacht geht es um 4:30 Uhr zum Flughafen. Der Flug ist soweit unspektakulär. Beim Landeanflug nach Antalya begrüßen uns die schneebedeckten Gipfel des Taurusgebirges. Um 10:00 Uhr Ortszeit landen wir, und unser Taxibus wartet schon auf uns.

Schnell ist das Gepäck verstaut und wir fahren Richtung Göcek. Antalya macht den Eindruck, einer europäischen Großstadt. Doch schon bald haben wir die Stadtgrenze hinter uns gelassen. Fliegende Händler säumen den Straßenrand. Hier und da ein Autowrack. In manchem Entwicklungsland sieht es auch nicht anders aus. Entlang der Passstraße in 1600m ü. NN durch das Taurusgebirge liegt der bereits vom Flugzeug gesehene Schnee. Im November kann es hier oben mit 7°C schon ziemlich kalt werden. Ich wusste gar nicht, dass wir in den Winterurlaub fahren. Wie warm ist es wohl an der Küste? Nach ca. 2 Stunden machen wir Pause an einer „Raststätte“. Einige „Dolmus“ - Touristenbusse sind auch schon da. Bevor der nächste angekündigte Dolmus kommt, müssen diese Gäste fertig sein. Wir werden freundlich begrüßt. Die traditionelle türkische Küche schmeckt uns allen (Suppe, Reis, Rindfleisch, Salat und natürlich scharfe Peperoni und Dessert: Bisquit in Sirupsoße). Gestärkt geht es zur letzten Etappe nach Göcek. Außer einer Schafherde, die auf der Straße geführt wird, verläuft die Fahrt ohne Zwischenfälle.

Am Steg der Marina in Göcek haben wir schnell die „KAWOLI“ gefunden. Wir verladen unser Gepäck und untersuchen alles gründlich. Der Bootscheck verläuft zunächst ohne Beanstandungen. Aufgrund des böigen Windes wird auf die Probefahrt mit dem Schlauchboot und der Tauchgang zur Kontrolle der Ruderanlage verzichtet. Stattdessen plauschen wir mit mit der zufällig anwesenden Frau Fritz unserer Vercharterin, welche auch in der Marina anwesend ist, tauschen Törn-Informationen aus, wo sich die schönsten Ankerbuchten befinden usw.

Nach dem Eincheck ein kurzer Erfahrungsaustausch mit Frau Fritz.

Peter und ich machen noch einen Bummel im Ort. Der Vercharterer hatte uns schon verproviantiert.

Abends machen wir noch einen Besuch beim Barbier: Haare waschen und schneiden, Bart rasieren, Gesichtsmaske und Rückenmassage - alles für 9,- €. Diese Kosmetik für den Herrn bringt unsere Lebensgeister zurück nach dem langen Tag. Dennoch legen wir heute Abend nicht mehr ab. Sehr zum Unmut unseres Skippers.

 

Montag, 07. November 2005
Die erste Bordnacht verläuft recht ruhig. Das Schaukeln des Bootes hat uns in den Schlaf gewiegt. Um 7:30 stehen wir auf und frühstücken erst mal. Zunächst machen wir uns mit dem Boot vertraut: Wir kontrollieren die Notsignale, wobei das Auslösen des Rauchsignals orange durch mich in letzter Sekunde verhindert werden kann: „Was ist denn wohl hinter der Verschlußkappe?“

Ein paar Einkäufe sind noch zu tätigen und „Kleinigkeiten“ an Bord zu reparieren: die Batterieladung funktioniert nicht wegen einer fehlenden Sicherung, das Achterliek des Großsegels ist gerissen und das Segel muss nachgenäht werden - und ein Vorschaden!

Gut, dass wir nicht noch am Vorabend abgelegt haben. Peter und ich machen eine Probefahrt mit dem Schlauchboot im Hafen von Göcek. Endlich der erste Wasserkontakt!! Zum Glück löst die Rettungsweste nicht gleich aus.

Um 15:45 ist das Grossegel angeschlagen und es heißt: „Leinen los!“ Bei leichtem Gegenwind aus NW, Kurs 200° läuft der 59PS-Motor relativ ruhig. Mit mir als Steuermann werden um 16:45 die Segel gesetzt. Bei untergehender Sonne flaut der Wind langsam ab - endlich unterwegs!

Wir nehmen Kurs auf unsere heutige Ankerbucht Tersane. Um 18:10 ist der Anker fest. Dort ankern bereits andere Segler, wie auch eine Gület-Ketsch. Die laute Musik unterhält nicht nur deren Bordgäste. Peter und ich kochen leckere Spaghetti mit Soße. Nach dem Abendessen sitzen wir bei angenehmer Temperatur im Cockpit und bewundern den Sternenhimmel. Ein unbeleuchteter Helikopter fliegt nachts über uns hinweg: „Werden wir beobachtet?“ Jupiter und Mars sind abends gut sichtbar am Himmel: Mars mit seiner leicht rötlichen Färbung und Jupiter an seiner Helligkeit.

Dienstag, 08. November 2005
Um 7:00 aufstehen. Am Tage sehen wir jetzt auch unsere Ankerleine am Grund liegen, so klar ist das Wasser.

Uli steht am Ruder, noch im Jogginganzug und barfuss, während Jürgen um 7:30 den Anker gelichtet hat. Früh am Morgen stehen Übungen unter Motor auf dem Schulungsplan: Vorwärts und rückwärts an einer Boje/Steg anlegen. Hierzu verwenden wir einen der Fender als Markierung im Wasser. Nachdem das bei allen geklappt hat, wenn auch erst beim 2. Versuch, fahren wir zurück in die Bucht von Tersane, ankern im griechisch-römischen Stil („Anker raus und viel Kette hinterher, das Gewicht hält das Schiff“)! Jetzt gibt es endlich Frühstück. Die gekochten Eier haben wir uns wirklich verdient. Um 10:30 geht es wieder los mit Kurs aus offene Meer, entlang der türkischen Küste nach Südwesten. Am Ende der Küstenlinie nehmen wir Kurs nach Westen/267° in Richtung der Buzzokale-Bucht. Nur sehr schwacher Wind und wenn, dann von vorne. Der Autopilot hält Kurs. Durch die Thermik in der Mittagshitze kommt etwas Wind auf. Wir setzen Segel und dümpeln kreuzend dahin. Peter genießt die Nachmittagssonne auf dem Vorschiff. Da das Log ungenau misst, säubern wir es. Bei Gelegenheit muss das Log auch von außen bei einem Tauchgang geputzt werden.

Bei Sonnenuntergang gegen 17:30 bergen wir die Segel und motoren wieder auf direktem Kurs in die Buzzokale-Bucht. Backbord liegt Rhodos in „greifbarer“ Nähe. Bei Dunkelheit lässt sich die Entfernung schwerer schätzen. Der aufgegangene Mond wird unsere Lichtquelle. Anhand diverser Leuchtzeichen am Horizont identifizieren wir unseren Standort und bestimmen den richtigen Kurs. Der Flughafen von Rhodos ist weithin sichtbar. Letztlich vertrauen wir aber doch auf die Bordinstrumente GPS, Kartenplotter und Echolot. So finden wir die gesuchte Buzzokale-Bucht, die unbeleuchtet ist und auch keine Häuser am Ufer stehen. Auch Seezeichen gibt es nicht, so dass wir die Untiefen an der Einfahrt nur dank unserer guten Instrumente und einer behutsamen Vorgehensweise umschiffen. Die Sicht ist sehr schwierig im Dunkeln, da der Mond sich inzwischen auch wieder verabschiedet hat. Schwach lässt sich am Ufer ein Gastwirt erkennen, der uns zu seinem Steg lotsen möchte, doch wir ziehen das Ankern inmitten der Bucht vor. Um 21:50 Uhr ist der Anker fest. Zum Abend gibt es auf die Schnelle eine Tütensuppe für alle und den guten türkischen Wein dazu. Insgesamt war dieses ein ruhiger, gemütlicher Segeltag wenn auch z.T. unter Motor.

Mittwoch, 9. November 2005
7:15 Uhr aufstehen und frühstücken. Uli hat als erster die Badehose für den Tauchgang an.

Ausgerüstet mit Taucherbrille untersucht er zunächst das Ruderblatt. Diese Inspektion war noch offen von der Bootsübernahme. Anschließend taucht er unter die „Kawoli“, um das Log von außen zu reinigen. Nach und nach springen alle mal ins Wasser, und wir erfreuen uns an der angenehmen Wassertemperatur.

Peter springt und Uli würde gerne angeln.

Nach seinem wagemutigen Kopfsprung in das kühle Nass macht Peter noch eine Spritztour mit dem Schlauchboot. Zum Gleiten kommt es aber nicht. Dafür ist der Motor doch zu klein. Danach nehmen Peter, Jürgen und ich das Schlauchboot zu einem Landausflug zur „kaputten Burg“ (= Buzzokale), während Uli sein Anglerglück versucht. Die Reste des Arsenals der Rhodier (Bewohner der Insel Rhodos) aus dem 3. Jh. v. Chr. sind sehr beeindruckend. Die Steinquader sind fugenlos übereinander gesetzt - die Burgmauer von Buzzokale:

Die strategisch günstige Lage auf der Spitze der Landzunge ist unverkennbar. Schiessscharten und Regenwassersammelbecken zeugen davon, dass hier oben längere Zeit gelebt wurde. In der Bucht reparierten die Rhodier ihre Kriegsschiffe. Heute weht über allem die türkische Landesfahne.

Am Landungssteg...

...zur Burg befindet sich “Ali Baba’s Restaurant“ mit Tresen, Backofen und Plumpsklo:

Im Sommer ist hier sicherlich mehr los. Jetzt ist der Ort verwaist, außer dass plötzlich ein liegen gebliebenes Handy klingelnd die idyllische Ruhe stört.

Bucht Buzzokale - „KAWOLI“ vor Anker

Zurück auf unserem Segelschiff bereiten wir ein leckeres Mittagsmahl: Lammgulasch mit Salat. Gegen 14:00 Uhr lichten wir den Anker, denn wir wollen nicht noch eine Nacht in dieser Bucht verbringen. Das Segelfieber hat uns wieder gepackt. Zunächst noch unter Motor fahren wir auf Sicht aus der Bucht. Da es hell ist, benötigen wir die hilfreichen Instrumente an Bord jetzt nicht. Sobald wir auf freiem Wasser sind, setzen wir Segel. Bei einer leichten Brise, Windstärke 2, manövern wir zunächst. Jeder ist einmal dran mit “Wende“, „Halse“, „Boje-über-Bord-Manöver“, „Beiliegen“ und was es sonst noch so an wichtigen Handhabungen gibt. Der obligatorische „Manöverschluck“ macht das Ganze besonders angenehm. Wer weder steuert noch Segel setzt, beschäftigt sich mit Seemannsknoten.

Der Wind frischt sogar noch etwas auf. Er kommt jetzt aus W/NW und wir halten Kurs mit dem Autopilot, der das Boot nach dem gleich bleibenden Einfallswinkel des Windes ausrichtet. Allerdings entfernen wir uns auch bei einem hart am Wind-Kurs von unserem nächsten Ziel: Pallamut in Richtung Nord/Nordwest. So segeln wir eher Kurs West. Wir wollen schließlich auch segeln, „wo der Wind uns hinträgt“. So beschließen wir, dass Peter und Uli bis 20:00 Uhr Wache haben. Danach segeln Jürgen und ich wieder zurück auf Kurs Ost, zurück zu der bereits passierten Insel Symi. Ein paar Wolken bringen kurzfristig etwas mehr Wind. Der Kurs ist aber weiterhin ungünstig, um nach Pallamut zu segeln. Ein Tanker kreuzt immer dichter auf unseren Kurs. Seine Lichter hatten wir schon länger gesehen. Da wir unter Segel keine Bordbeleuchtung anhaben, um Batteriestrom zu sparen, schalten wir erst jetzt unseren Deckfluter ein. Das weiße Großsegel ist hell erleuchtet. Wir müssen wenden, da wir auf Kollisionskurs liegen. Da wir diese Nacht doch noch nach Pallamut gelangen wollen, bergen wir die Segel, und setzen die Fahrt unter Motor fort. Es ist inzwischen 21:30 Uhr und wir motoren ca. 15 Seemeilen bei fünf Knoten pro Stunde. So erreichen wir nach Mitternacht die Küstenlinie. Pallamuts Uferpromenade liegt beleuchtet vor uns. „Wo ist nur die Hafeneinfahrt?“ Wir schippern dicht unter Land und versuchen auch mit Fernglas gegen die Strassenlaternen eine Einfahrt auszumachen. Ein Fischkutter tuckert in einiger Entfernung Richtung Land und zeigt uns den Weg. Eine gelbe Straßenlaterne markiert die Einfahrt. Unser erstes Anlegemanöver steht uns bevor. Bisher haben wir nur geankert. Festmacherleinen müssen klariert werden. Die Fender werden ausgebracht. Am Bug werfen wir den Anker. Mit dem Heck legen wir an der Kaimauer an. Um 1:00 Uhr nachts sind wir fest. Der Landstrom wird angeschlossen. Ein letzter Manöverschluck und ab in die Koje.

Donnerstag, 10. November 2005
Katzen streunen im Hafen. Sie lieben den Fischgeruch am Wasser. Aber auch die allgegenwärtigen Müllcontainer sind ein beliebter Aufenthaltsort. Die Brücke von unserem Schiff an Land ist eine günstige Gelegenheit an Bord nach Essbarem zu stöbern. Zum Glück können wir einen ungebetenen Gast daran hindern, bei uns danach zu suchen.

Zunächst füllen wir unsere Wasservorräte auf. Im nahegelegenen Laden kaufen wir noch Lebensmittel (Brot u. Gemüse, etc.) Pallamut ist ein verschlafener Ort, aber mit einem schönen Strand.

Allerdings ist ein Fischerboot nachts mit Wasser voll gelaufen und gesunken. Das ganze Dorf hilft bei der Bergung des Havaristen. Eine Wasserpumpe ist schnell besorgt, um das Wasser aus dem Boot zu pumpen. Am Ufer liegen weitere renovierungsbedürftige Boote. Die Fischsaison ist dieses Jahr vorbei.

Um 12:00 Uhr heißt es Leinen und Anker los. Um 13:00 Uhr setzen wir bei sehr schwachem Wind (Windstärke 1-2) die Segel. Kreuzend segeln wir nach Knidos. Nach dem langen Schlag vom Vortag reicht uns heute diese kurze Etappe. Ich bereite schon mal während der Fahrt den Kartoffelauflauf vor.
Festessen Kartoffelauflauf.

Als wir gegen halb fünf in Knidos fest sind, muss dieser noch im Ofen garen. Das gibt Uli, Jürgen und mir Gelegenheit zu einem ersten Erkundungsspaziergang in Knidos. Knidos ist eine antike „Großstadt“ aus hellenistischer Zeit. Ein Handels- und Kriegshafen sowie zwei gut erhaltene Amphitheater unterstreichen die Bedeutung dieser Stadt. Knidos galt überdies als Kurort und war mit Bodrum, Kos und Rhodos kulturelles Zentrum im hellenistischen Griechenland. Die Statue der unbekleideten Aphrodite war ein weiterer Publikumsmagnet. Die Besichtigung dieser antiken Stätte ist mit vier Lira Eintritt nicht ganz billig.

Den Abend gestalten wir mit gemeinsamer Lektüre der „Barawitzka-Geschichten“.

Freitag, 11. November 2005
Um 4:00 Uhr starten Jürgen und Uli den Motor und wir nehmen Kurs nach Bodrum. Peter und ich haben noch etwas Erholung. Wachablösung ist um 6:00 Uhr. Bei Wind aus Nord bleibt uns nur die Motorkraft, da wir nicht gegen an kreuzen wollen. Gegen 6:30 erleben wir einen schönen Sonnenaufgang. Allein dafür hat sich das frühe Aufstehen gelohnt. Der Wind dreht leicht auf Nordost durch die Ablenkung an der griechischen Insel Kos und frischt bis auf Windstärke vier auf. Wir setzen Segel, halten sie aber gerefft. Der erste etwas stärkere Wind, den wir bisher erleben. So kommen wir bei sechs Knoten schnell voran und müssen erst eine Stunde vor Bodrum die Segel bergen. Sonst müssten wir kreuzen, um dort anzukommen. Die Festung St. Peter markiert den Ort schon von weitem.
In der Landabdeckung lässt der Wind nach. Gegen 9:30 Uhr gleiten wir langsam in den Hafen von Bodrum. Der Hafenmeister nimmt uns in Empfang und weist uns einen Liegeplatz zu, nicht ohne gleich für diese Dienstleitung zur Kasse zu bitten.

Nachdem wir uns alle frischgemacht haben geht es auf Landgang. Die Burg St. Peter steht auf meinem Programm als „Reiseführer“. Der Ausblick auf Bodrum’s Hafen ist beeindruckend ebenso die verschiedenen Ausstellungen, wie z.B. die umfangreiche Vasen- und Reliefsammlung im Innenhof oder die rekonstruierten Handelsschiffe aus dem 12. bzw. 14. Jh. v. Chr. mit Waren aus aller Herren Länder.

Bodrum – Castell St. Peter


Innenhof: Vasen- und Reliefsammlung


Innenansicht eines Handelsschiffes

Letztere wurde vor der türkischen Küste gefunden und zeugen davon, wie weit die Handelswege reichten: Von Bernstein von der Ostsee bis zu Elfenbein aus Afrika.

Nachdem wir in der Stadt diniert haben, suchen wir das Hamam, das türkische Bad. In der Nähe des Busbahnhofs werden wir fündig.

Der Besuch eines türkischen Hamam ist schon etwas Besonderes. Der schwüle Dunst umhüllt uns bereits am Eingang. Zunächst schwitzen wir im Dampfbad. Mehr als ein Gang ist nicht üblich. Anschließend werden wir nacheinander von einem Bader eingeseift und mit einem Massageschwamm geschrubbt.

Die abschließende Öl-Massage mit Duftwasser ist sehr angenehm. Entspannt trinken wir zum Abschluss des Hamam-Besuchs noch einen Tee. In einem der zahlreichen Internet-Cafe’s holen wir uns die Wettervorhersage des Deutschen Wetterdienstes für die Südtürkei und das östliche Mittelmeer. Auf dem Heimweg trinken wir noch einen Absacker in einer Bar. Im TV läuft die Übertragung eines Fußballspiels mit deutscher Beteiligung, was wir an den Spielern und den Trikots erkennen, nicht aber am Kommentar. Zurück an Bord haben wir langsam das Gefühl auf dem Boot „heimisch“ zu werden.

Samstag, 12. November 2005
Der Duft frisch gekochten Kaffees lockt uns aus der Koje. Nach dem Frühstück muss das Schiff innen und außen geputzt werden. Nach einem morgendlichen Spaziergang durch den „Champs-Elysee von Bodrum“, die Einkaufsmeile der Marina, die mit polierten Marmorsteinen gepflastert ist, gehe ich noch Brot besorgen, die anderen legen ab zur Tankstelle und bunkern Diesel. Dort steige ich zu.

Gegen 12:00 Uhr verlassen wir den Hafen von Bodrum. Draußen findet die Bodrum-Regatta und ein Gület-Race statt. Die Gülets sehen mit ihren zwei Masten unter Segel sehr imposant aus. Wir nehmen Kurs zwischen der Halbinsel von Bodrum und Karaada („schwarze Insel“). Wir segeln vorbei an heißen Quellen, die wir aber nur auf der Karte sehen, und der Touristenhochburg: „Sea Garden“. Hier wird alles geboten, was das Touristenherz begehrt. Wir lassen dieses „Paradies“ links liegen und segeln weiter Kurs 90° in den „Gökova-Golf“. Bei achterlichem Wind zeitweise bis Windstärke vier können wir sogar „Schmetterling“ segeln.

Der Geschwindigkeitsmesser zeigt 6,2 Knoten (Geschwindigkeit über Grund). Zur Standortbestimmung nehmen wir eine Kreuzpeilung vor und tragen sie in die Karte. Uli: „So macht das Segeln wieder richtig Spaß!!“ In der Nähe des Kraftwerks Oren legen wir in der Bucht von Cökertme unseren nächst-en Ankerplatz fest. Um 17:30 Uhr genießen wir den Sonnenuntergang. Schirmpinien säumen die Hügel am Ufer. Die leichte Dünung der vom Ufer zurückgeworfenen Wellen lässt das Boot am Anker schwoien. Peter legt sich früh schlafen. Das war heute ein schöner ruhiger Segeltag nach den anstrengenden Nachtschlägen.

Sonntag, 13.November 2005
Um 7:00 Uhr stehen wir auf und frühstücken gemeinsam. Auch Peter geht es wieder besser.
Wir lichten den Anker, um an Land bei „Captain Ibrahim“ einzukaufen.


Cökertme

Brot ist immer sehr schnell alle. Dieses besorgt der „Captain“ für uns sogar aus dem fünf Kilometer entfernten Nachbarort frisch beim Bäcker.
Die Fahrt mit dessen Auto ist für Jürgen ein ganz besonderes Abenteuer. Als Dankeschön erhält Ibrahim eines unser mitgebrachten Messer. Die eingelegten Oliven aus seinem persönlichen Vorrat sowie Mandarinen aus eigener Ernte sind für uns ein ganz besonderer Leckerbissen. Nach einer überschwänglichen Abschiedszeremonie von der ganzen anwesenden Familie sind wir gegen 11:00 Uhr wieder auf dem Wasser. Inzwischen hat eine Gület mit „Patronas“ („Hausherren“) bei „Captain Ibrahim“ halt gemacht und erfreut sich dessen Gastfreundschaft an diesem Sonntagmorgen.

Die Sonntagsruhe gilt auch für den Wind. Bei Flaute bleibt uns nur die Motorkraft, um voran zu kommen. Heute ist unser Ziel der sogenannte „Kleopatra Beach“. Gegen 13:30 Uhr frischt der Wind etwas auf und wir setzen wie am Vortag Schmetterlingssegel. Das Kraftwerk Oren bietet uns eine hervorragende Gelegenheit, erneut Peilungen vorzunehmen: Bei 90° sind wir 1,8 Seemeilen vom Land entfernt.

Captain Ibrahim

Da der Wind aus Westen noch etwas zulegt, seine Sonntagsruhe ist Gott sei Dank vorbei, segeln wir mit inzwischen drei Knoten durch den Gökova-Golf. Ein Leuchtfeuer markiert weithin sichtbar die Einfahrt zu unserem Ziel. Nach insgesamt zwanzig Seemeilen an diesem Tag erreichen wir gegen 16:30 Uhr die Insel Sehir Adalari, auf der sich der Kleopatra Beach befindet. Marc Aurel und die ägyptische Königin Kleopatra sollen sich hier schon vergnügt haben - so die Legende.

Insel Sehir Adalari – Cleopatra Beach

Tatsache ist, dass der anzufindende Sand so fein ist, wie nirgends sonst in der Türkei. Das liegt an den kohlensäurehaltigen Quellen, die hier ins Meer fließen.

Unser Ankermanöver über zwei Meter tiefem Wasser gelingt wie immer. Mit zwei Heckleinen sind wir um 17:15 Uhr am Steg fest. Den „Anleger“ haben wir uns bei angenehmer Nachmittagssonne redlich verdient.

Ich mache trotz der einsetzenden Dämmerung noch einen ersten Landgang zur Erkundung der Insel. Nicht nur der legendäre Strand auch die Ruinen eines Amphitheaters wecken mein Interesse. Allerdings ist am Ende der Saison die Insel fast menschenleer. Lediglich in einem kleinen Fischerhäuschen brennt noch Licht.

Montag, 14 November 2005
Wie so oft stehen wir früh auf. Heute wollen gemeinsam die Insel kennen lernen. Am Kleopatra Beach
genießen wir die herrliche Sonne beim Sonnen- bzw. Wasserbaden.

Das Wasser ist in dieser Bucht besonders klar. Der Sandstrand erstreckt sich bis weit hinaus unter Wasser. Auf Seeigel muss man achten, wenn man ins Wasser geht. Sonst hat man noch monatelang eine „schöne“ Erinnerung an diesen Urlaub. Vereinzelt schwimmen kleine Fischschwärme auch in diesem seichten Wasser. Gemeinsam machen wir uns auf einen Rundgang zu den zum Teil antiken Ruinen des Amphitheaters und einer Kirche aus den Anfängen der Christenheit. Früher war diese Insel sicherlich bewohnter. Wir beobachten aus der Ferne, dass eine Gület neben uns am Steg festmacht. Obwohl diese Ausflugsschiffe sehr geringen Tiefgang haben, läuft es doch in dem sehr flachen Wasser auf Grund. Die Besatzung schafft es aber mit vielen Leinen und einem motorisierten Schlauchboot, das Schiff wieder frei zu schleppen.

Gegen Mittag legen wir ab mit einer zusätzlichen Slipleine achteraus, um nicht durch den Wind auf die Gület gedrückt zu werden, wenn wir uns an unserer Ankerkette vom Steg wegziehen. Als wir aus der Inselabdeckung heraus und wieder im Gökova-Golf sind, nehmen wir einen hart am Wind Kurs Richtung WNW. Bei genau westlichem Wind kommen wir nur kreuzend wieder aus dem Golf heraus. Wir segeln bis dicht unter Land. Die hohe Küstenlinie des Golfs ist sehr majestätisch. Seglerisch ist es in Ufernähe nicht ganz einfach, da der Wind plötzlich dreht, wenn er vom Ufer abgelenkt wird. Gegen 17:30 Uhr lässt der Wind ganz nach und wir fahren unter Motor Kurs SW. Nach einer weiteren Stunde ist der Wind wieder da und hat auch gedreht. Mit halbem Wind können wir einen fast südlichen Kurs halten (190°). Bei weiter zunehmendem Wind bis Stärke drei bis vier segeln wir inzwischen mit sieben Knoten über Grund. Wir nutzen die gesamte Segelfläche von einhundert Quadratmeter Tuch. Wir schießen regelrecht durch den Golf und sind in Windeseile auf der südlichen Golfseite angelangt. Inzwischen ist es dunkel. Nur der fast Vollmond begleitet uns in der Nacht. Schemenhaft können wir die Felswand des Ufers wahrnehmen. Wir können noch etwas anluven, um entlang der Küstenlinie einen mehr westlichen Kurs zu nehmen. Jupiter dient uns als Peilung in der Nacht. Bei dem hellen Mondlicht ist Mars nur sehr schwach wahrzunehmen. Letztlich müssen wir aber doch die Segel bergen, da ein Kurs von 270° nur unter Motor möglich wird. Gegen den Wind stampft das Schiff kräftig. Mit Plotter und GPS steuern wir den Hafen an. Am Ufer sind wieder nur Straßenlaternen auszumachen. Wo ist nur die Hafeneinfahrt? Vorsichtig „tasten“ wir uns im Dunkeln vorwärts. Den Zielpunkt im GPS treffen wir genau. Doch noch immer sehen wir keine Einfahrt. Da erspähen wir plötzlich Schatten vor uns, die die Einfahrt sein könnten. Vorsichtig steuern wir darauf zu. Beim Nähergleiten erkennen wir doch eine Mole, hinter der sich der Hafen befindet. Dort haben sogar ein paar Fischerboote an der Ufermauer festgemacht. Endlich haben wir unser Ziel erreicht. Die Erleichterung ist allen anzumerken. Um 21:40 Uhr ist das Boot mit zwei Festmacherleinen und dem Buganker gegen den kräftig von See kommenden Wind gesichert.

Dienstag, 15. November 2005
7:30 Uhr aufstehen. Da unser Brot mal wieder zur Neige geht, überlegen wir, im Nachbarort einkaufen zu gehen. Ein Segelnachbar, einer der Fischer, meint, es seien zwei Kilometer bis dorthin. Das ist uns dann doch zu weit zu laufen, denn landeinwärts gibt es keinen Wasserweg. So beschließen wir Anker zu lichten und lieber abends am Zielort Shopping zu gehen. Aus dem Hafen kommend nehmen wir einen fast nördlichen Kurs. Der Wind kommt genau daher, wo wir hinwollen: NNW. Wir fallen sogar noch weiter ab, so dass wir wieder in den Gökova-Golf hinein- statt hinaus segeln. So gelangen wir auf die andere Seite des Golfes und befinden uns etwa auf Höhe des bereits vor drei Tagen gepeilten Oren-Kraftwerks. Immerhin können wir von hieraus einen WSW-Kurs/ 240° am Wind halten. Dieser Kurs führt uns genau zur griechischen Insel Kos. Das soll unser heutiges Tagesziel sein. Um 11:50 Uhr können wir sogar Bodrum zwischen der Insel Karaada und dem Festland hindurch in 310° peilen. Das entspricht in etwa unserer Segelroute von vor drei Tagen, als wir von Bodrum kommend in den Gökova-Golf gesegelt sind.

Der Wind frischt kräftig bis Windstärke sechs auf. Mit sieben bis acht Knoten pflügen wir bei fast halbem Wind durchs Wasser. Die „Kawoli“ ist eben doch eine „Rennziege“. Jürgen gefällt es sichtlich, das Steuer zu halten.

Gegen 15:00 Uhr erreichen wir bereits griechische Hoheitsgewässer. An der Insel Kos ist weithin sichtbar die Flagge auf den Fels gemalt. Nach der Karte entscheiden wir uns, bis Kardamena noch elf Seemeilen auf der Südseite der Insel weiter zu segeln. Zunächst flaut der Wind im Windschatten von Kos ab. Doch schon bald erreichen uns die Fallwinde, die aus Norden über die bis zu achthundertfünfzig Meter hohen Berge herabwehen. Diese führen zu sehr unangenehmen Fallböen, die man zwar auf dem Wasser erkennen kann, die uns dennoch immer wieder zu Kurskorrekturen zwingen. Vor der Böe ist es mal windstill, oder der „halbe Wind“ kommt plötzlich von achtern. Über den Berggipfeln spannt der Himmel einen weißen Bogen. So sind die Böen ein interessantes Naturschauspiel am ansonsten blauen Himmel. Bei nächster Gelegenheit werden Groß und Genua gerefft. Dadurch verringert sich die Krängung ein wenig. Doch auch als ich ans Ruder gehe werden noch Geschwindigkeiten von bis zu acht Knoten bei am-Wind-Kurs erreicht. Wir liegen bei, um die Genua noch weiter zu reffen. Dabei verhakt sich die Genuaschot unter der am Mast hängenden Winschkurbel und katapultiert die Kurbel in hohem Bogen ins Mittelmeer. Leider ist die Ersatzkurbel nur aus Plastik. Mit weniger Segel und immer weiter nachlassendem Wind segeln wir von einem faszinierenden Sonnenuntergang begleitet in unseren heutigen Zielhafen Kardamena auf der griechischen Insel Kos.

Achteraus ist der Vollmond bereits aufgegangen. Die Hafeneinfahrt versandet zwar durch angespülten Sand immer weiter, doch mit unseren 2 m Tiefgang ist das noch kein Problem. Mit Buganker und zwei Heckleinen machen wir zwischen zwei Fischerbooten an der Uferpromenade um 18:30 Uhr fest. Der Anleger ist uns jetzt sehr willkommen. Die Strapazen des Tages sind uns deutlich anzumerken. Peter: „Wenn ich mit Uli und Jürgen segeln gehe, ist es immer so.“

Im nächsten Internet-Café versorgen wir uns mit den aktuellen Wetterkarten. Das griechische Rest-aurant bietet köstliche gebratene Makrelen und einen süffigen Rotwein. Um 22:00 Uhr fallen wir alle erschöpft in die Kojen.

Mittwoch, 16. November 2005
Wir erledigen noch letzte Einkäufe. Das Angebot in einem EU-Land ist doch umfangreicher. Wir besichtigen noch eine Nachbaryacht (siebzehn Meter mit fünf Kabinen, die jede eine Nasszelle hat). Vielleicht segeln wir ja mal ab Kos. Gegen 10:00 Uhr sind die Leinen los. Bei Gegenwind (fast Flaute) motoren wir Kurs 125°. Am Leuchtturm von Knidos vernehmen wir merkwürdige Geräusche aus dem Auspuff, die Wasserkühlung ist ausgefallen. Wir liegen bei und stellen fest, dass die Welle der Wasserpumpe zur Motorkühlung nicht läuft. Die Service-Crew der Eignergemeinschaft EGG in Göcek muss kommen. Wir rufen sie sogleich an, damit sie sich schon mal auf die vierstündige Fahrt machen. Also hissen wir wieder die Segel und legen unter Segel Kurs Knidos an. Dort wollten wir ja sowieso hin. Unsere „Kawoli“, immerhin über 10 Tonnen Masse schwer, wird von uns sicher unter Segel an den Steg gebracht. Die Zuschauer am Ufer, einheimische Fischer und zufällig vorbeikommende deutsche Touristen (welche auch Fotos schossen), sind erstaunt und begeistert. Auf dem Steg präsentiert ein Fischer seinen gefangenen Hai, den Uli, unser Angler, neugierig inspiziert. Im seichten Wasser der Bucht tummeln sich Tintenfische. Wir nutzen die Wartezeit bis die Servicecrew kommt für einen ausgedehnten Spaziergang durch die Ruinen von Knidos.

Im zweiten Jahrhundert v. Chr. zerstörte ein schweres Erdbeben diese Metropole. Die massiven, fugenlosen Fundamente, der Apollo-Tempel, die großen Säulen, Abwasserleitungen, Treppen sowie die zwei Amphitheater (eines mit bis zu 5000 Sitzplätzen) zeugen von der Größe der Stadt und der technischen Entwicklung in Bezug auf den Städtebau in der Antike. Wir sind beeindruckt von den archäologischen Reichtümern. Die Landschaft ist heute allerdings sehr karg und nur noch Disteln und Dornengestrüpp wuchern zwischen den Zeugnissen menschlicher Lebensweise.

Wie schnell die Zeit vergeht, da erscheint auch schon die Servicemannschaft,. Schnell ist das defekte Teil ausgebaut und zur Reparatur gebracht. Nach weiteren zwei Stunden kann die reparierte Welle wieder eingebaut werden und die Wasserpumpe läuft wieder. „Gott sei Dank!“ Denn uns plagten schon Zweifel, wenn die Reparatur nicht möglich ist, ob wir ein Ersatzboot erhalten oder den Törn abbrechen müssen? Wie kommen wir nach Göcek zurück - zu viert im Schlauchboot? Zum Glück waren das nur Gedankenspiele. Zur Ablenkung lesen wir uns die Barawitzka Geschichten vor. Der Vollmond wird diese Nacht nicht für einen Nachtschlag genutzt. Das ist wohl auch besser so.

Donnerstag, 17. November 2005
Das Wetter hat sich zusehends verschlechtert.

Knidos – Hafeneinfahrt mit Wellenbrecher

Der Wind wehte nachts heftig mit Windstärke fünf bis sechs aus Süd, die „Kawoli“ lag jedoch sehr ruhig am Steg, und nur das Klatschen der Wellen an die Bordwand ließ uns gegen morgens kaum schlafen. Um 7:00 Uhr stehen wir voller Tatendrang auf. Ein zweites Schiff hatte nachts noch in Knidos festgemacht und fuhr gleich früh morgens nach Norden mit Rückenwind weiter. Unser Ziel für heute liegt leider in südlicher Richtung. Da der Wind eher noch zunimmt, beschließen wir, den Sturm in Knidos abzuwettern. Der Hafenmeister bittet uns wegen des heftigen Windes, der auf den Steg bläst, diesen zu verlassen. Er hat wohl Angst um seine Klampen, an denen unser Schiff vertäut ist. So verholen wir das Schiff unter Motor dichter an die vor Wind und Wetter schützende Mole.

„KAWOLI“ am Wellenbrecher vor Anker

Als wir den Anker werfen stellen wir fest, dass die Wasserpumpe wieder nicht arbeitet. Wir haben den gleichen Schaden, wie gestern. Die Reparatur war wohl nur halbherzig gemacht. Jetzt sind wir richtig genervt. Um 14:00 Uhr kann die Service-Crew wohl wieder in Knidos sein, nachdem sie gestern schon nicht vor Mitternacht zuhause in Göcek waren.

Zunächst müssen wir noch eine Sicherungsleine zur Mole bringen, falls der Anker bei drehendem Wind nicht hält. Peter und ich sind für dieses Manöver ausgewählt. Im Schlauchboot mit zwei Leinen ausgestattet und gegen den Wind komme ich mir vor, wie beim Rafting. Die erste Welle duscht uns gleich komplett. Wenigstens ist der Wind nicht zu kalt. An der Mole steigen wir im seichten Wasser aus und klettern über die kantigen Felsen. Von rechts werden wir bei jeder zweiten oder dritten Welle mit Gischt nass gespritzt. Peter: „Warum bin ich immer bei solchen Aktionen dabei?“ Nach dreißig Meter entlang der Mole sind wir auf Höhe unseres Bootes. Wir schlingen eine Leine um einen großen Fels und klettern zum Schlauchboot zurück. Nach kurzer Zeit ist der Rest der Leine zu Ende. Peter holt die zweite Leine aus dem Schlauchboot. Als wir mit der restlichen Leine wieder am Schlauchboot sind, bemerken wir, dass wir insgesamt zu wenig Leine dabei haben. Also fährt Peter allein zum Schiff zurück und holt zwei weitere Verlängerungen. Als auch diese mühsam nach und nach mit Palsteks angesteckt sind, reicht die gesamte Länge bis auf drei Meter an das Schiff heran. Nun muss uns die Decksmannschaft nur noch eine Leine zuwerfen, um das Boot endgültig mit dem Land zu verbinden. Schließlich hat das 10-Tonnen Schiff doch eine Sicherungsleine zusätzlich zum Anker. Der „Manöver-Schluck“ ist hart verdient.

Draußen heult der Sturm und wir sitzen unter Deck und wissen nicht, wie es mit uns weitergeht. die Zweifel vom Vortag kommen wieder auf. Die Ungewissheit zerrt an den Nerven. Das Mittagessen fällt spartanisch aus: Erbswurst mit Brot – wir müssen mit unseren Vorräten haushalten. Endlich trifft die Service-Crew ein. Jürgen holt sie vom Steg mit dem Schlauchboot ab.

Wir liegen ja mit dem Schiff in der Bucht vor Anker. Zur Reparatur müssen sie bis nach Marmaris fahren: 2 1/2 Stunden Fahrzeit. Wir sind sehr angespannt: „Klappt die Reparatur heute? Gibt es ein passendes Ersatzteil? Was machen wir, wenn nicht?“ Das Warten wird unerträglich. Jürgen und ich machen zur Überbrückung der Wartezeit einen Landgang mit dem Schlauchboot. Wir versuchen, ob wir zum Leuchtturm von Knidos kommen. An einem verrosteten Aussichtsturm, der schon so manchem Blitz als Ableiter gedient hat, erklimmen wir die obere Plattform. Hier sind fast noch zwei Windstärken mehr als am Boden. Auf der rostigen Leiter muss ich mich gut festhalten. Der Leuchtturm ist heute für uns doch unerreichbar. Er liegt noch eine Stunde Fußweg entfernt. Es wird langsam dunkel. Die ausgetretenen Ziegenpfade weisen uns den Weg zurück. Um 17:00 Uhr sind wir wieder am Schlauchboot und müssen nur noch übersetzen.

Wir machen uns eine Tütensuppe zum Abendbrot. Ist es ein gutes Zeichen so lange nichts von der Service-Crew zu hören, weil es diesmal ordentlich gemacht wird? Oder haben sie vielleicht selbst Transportprobleme? Ist deren Fahrzeug defekt oder liegt im Straßengraben? Denn die türkischen Landstraßen sind auch nicht die besten.

Gegen 20:00 Uhr sehen wir endlich die Scheinwerder eines PKW. Wir hielten schon ständig Ausschau. Bei Regen macht Jürgen das Schlauchboot klar, um die Monteure an Bord zu holen. Sie haben ein nagelneues Ersatzteil für die kaputte Welle dabei. Uns fällt ein Stein vom Herzen, denn dieses sollte nicht gleich wieder kaputt gehen. Bei einem Tee zum Aufwärmen läuft der Motor mit Wasserpumpe. Es klingt alles in Ordnung. Das Schlauchboot wird noch an Deck vertäut und die Paddel verstaut. Jürgen kann endlich duschen und ein auch ohne Segeln anstrengender, ereignisreicher und vor allem Nerven verzehrender Tag neigt sich dem Ende. Jetzt wollen wir nur noch zurück nach Göcek. Mal sehen, wie morgen der Wind steht. Aber letztlich ist das egal, denn wir müssen auf jeden Fall zurück, auch gegen an. Der Wind hat abends etwas nachgelassen, ist aber mit Windstärke fünf noch recht heftig. Doch der Regen prasselt unaufhörlich auf das Kajütdach. Es hat schon fast etwas beruhigendes.

Freitag, 18. November 2005
Um 7:00 stehen wir auf und frühstücken. Um 8:00 Uhr beginnen das "Leinen-los-Manöver".

Die Stimmung ist sehr angespannt. Beim Einholen der ausgebrachten Landleine verheddert sich diese auch noch an einem der Palsteks. Peter muss noch mal ins Schlauchboot, um die Slipleine frei zu bekommen. Als alles klar ist und der Anker gehoben werden konnte geht es endlich los aufs freie Meer. So schnell wie möglich werden Segel gesetzt. Ein wenig Ruhe kehrt ein. Wenn nicht gerade jetzt auch noch kräftiger Regen einsetzen würde. Wozu haben wir denn das Ölzeug dabei. Meine Hose ist auch schon brüchig geworden, so dass sie sehr bald gerissen ist. Zum Glück lässt der Regen bald nach und die Sonne begleitet uns fortan wieder auf unserem Weg. Unter Segel geht es auf direktem Weg zur Insel Symi bei 114°. Bei halbem Wind und Windstärke vier ist es ein wunderschönes Segeln. Langsam fällt die Anspannung von uns ab.

 

 

Der Wind lässt noch etwas nach, doch die Dünung der Wellen nach dem gestrigen Sturm macht sich bei jeder Welle bemerkbar. Ein Regenbogen zeigt sich über Symi.

Es ist 14:00 Uhr und entscheiden uns für Kurs nach Rhodos. So können wir bei achterlichem bis halbem Wind angenehm weitersegeln auf die Küste von Rhodos zu. Unter Motor müssen wir entlang der Insel Richtung Hafen von Rhodos Stadt fahren. Ein wunderschöner Sonnenuntergang begleitet uns achteraus.

Im Hafen von Rhodos liegt ein fünfstöckiges Kreuzfahrtschiff auf allen Decks hell beleuchtet. Als wir die Einfahrt vom Madraki-Hafen gefunden haben, legt das schwimmende Hotel ab. Vor der beleuchteten Stadt ist die Hafeneinfahrt im dunkeln nur sehr schwer zu finden. Und das Navigationssystem enthält diesen Hafen nicht. Wir finden auch einen Liegeplatz neben einer der vielen Fähren. Mit einer Muringleine, zwei Festmacherleinen kreuzweise und einer Spring am Heck sind wir fest. Wir bringen ein Brett zum Land aus, um trockenen Fußes die Stadt erkunden zu können. Wir streifen zunächst durch die Altstadt von Rhodos. Vorbei an alten Steinmauern, dem Großmeisterpalast und durch enge Gassen. Doch ein Restaurant ist nicht zu finden. Die Saison ist halt vorbei. Die Souvenirläden haben ihre Rollladen geschlossen. In einem Restaurant ist doch noch was los, aber: "geschlossene Gesellschaft". So suchen wir den Weg in die Neustadt. Dort ist doch noch reger Verkehr. Die Rhodier gehen schließlich nicht mit den Hühnern ins Bett. Wir finden etwas zu essen in einer Gegend, wo auch die Einheimischen sich aufhalten - kein Touristenbezirk. Das hatten wir gesucht. Nach einem schönen Spaziergang durch die Stadt und voll gesättigt klingt dieser Segeltag richtig gut aus, ein schöner Ausgleich zu den letzten Tagen.

Samstag, 19. November 2005
Heute ist unser letzter Segeltag. Wir müssen wohl oder Übel zurück zum Heimathafen Göcek. Also stehen wir zeitig um 6:30 Uhr auf. Nach einem letzten Gang durch den Hafen, bei dem wir die dort überwinternden Yachten und Katamarane bestaunen, heißt es schon bald: „Leinen los“. Bei Kurs auf Göcek ist die gegenüberliegende türkische Küstenlinie im Dunst nur schwach zu erkennen. Zunächst motoren wir gegen den Wind, bei heftiger Dünung kein angenehmes fahren. Doch als sich der Wind etwas dreht und wir den Kurs leicht ändern, können wir sogar bei fast halbem Wind segeln. Ich lege mich erst mal schlafen. Die Anstrengung der letzten Tage macht sich zunehmend bemerkbar. Vielleicht hätten wir doch noch eine Ruhetag auf dem Rückweg einplanen sollen. Den hatten wir ja leider zwangsweise durch den Motorschaden. Doch dadurch war es eben keiner. Bei Westwind in Stärke zwei bis drei, achterlicher Dünung und Sonnenschein haben wir noch einen angenehmen Segeltag. So queren wir die Straße von Rhodos. Die Berufsschifffahrt ist heute kaum unterwegs. Kurz vor der Einfahrt nach Göcek müssen wir zur Kurskorrektur noch mal den Motor laufen lassen. Doch dann werden wieder Segel gesetzt und mit herrlichem achterlichem Wind steuert uns Peter unter Schmetterlingssegel souverän durch die enge Passage vor Tersane. In einer Bucht dieser Insel hatten wir als erstes geankert. Zwischen den Inseln vor Göcek lassen Wind und Dünung nach. Es ist ein ruhiges Dahintreiben. Leider verschlechtert sich das Wetter zusehends. Doch da wir die letzten Windstärken ausnutzen wollen, bleiben die Segel oben. Als wir Göcek voraus haben bricht der Regen los. Uns bleibt jetzt doch nichts anderes mehr, als die Segel zu bergen und unter Motor den Hafen anzulaufen. Die Ortskenntnis durch vorangegangene Törns kommt uns hier zugute, denn im dichter werdenden Regen wird die Sicht immer schlechter. Doch der Steuermann fährt unbeirrt seinen Kurs. Es ist jetzt 17:00 Uhr und eigentlich sollte die Tankstelle noch geöffnet sein. Doch dort ist keiner mehr. Wir müssen also morgen früh noch mal los den Tank auffüllen.

Am Steg von EGG, der Chartergesellschaft machen wir fest. Dort wartet Turgot von der Gesellschaft schon auf uns. Inzwischen ist aus dem Regen ein heftiges Gewitter geworden und Jürgen und Uli stellen Wassereinbruch in ihren Kojen fest. Die Dichtungen um den Instrumententisch halten den Wassermassen, die da vom Himmel stürzen nicht mehr stand. Mit der Persenning und Plastiktüten verhindern wir ein weiteres Eindringen des Wassers.

Turgot fährt uns netterweise nach Göcek hinein. Entlang der Straße sind Felsbrocken vom Wasser gelöst die Hänge herabgerollt. Diesen vorsichtig ausweichend gelangen wir in den Ort, wo wir gemüt-lich unser Abschiedsessen mit einem Drei-Gänge-Menü feiern.

Allerdings sind wir auch melancholisch, dass der Törn zuende geht. Nur das Wetter soll die nächsten Tage noch stürmischer werden, so dass wir froh sind , bei den Verhältnissen bereits wieder zuhause zu sein.

Sonntag, 20. November 2005
Nach dem Aufstehen begrüßt uns zunächst ein Regenbogen, der sich über die Berge spannt.

Zusammen mit der Sonne werden wir verabschiedet. Das Boot wird anstandslos übergeben, nur die fehlende Winschkurbel wird uns natürlich berechnet. Bevor wir zum Flughafen aufbrechen, besuchen Peter und ich ein letztes Mal den Barbier. „Das lassen wir uns nicht nehmen.“ Unser von der Herfahrt vertrauter Chauffeur bringt uns wieder nach Antalya zum Flughafen. So können wir uns auch von ihm herzlich verabschieden.


Abschied von der „KAWOLI“ nach zwei Wochen Segeltörn: Karsten (sitzend), Peter, Uli und Jürgen

 

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